Poesie

Aus "Mehrfamilienhaus ohne Aussicht"

Schau an

 

Als wäre dies ein Puzzelhaus

zerstückelt und zusammengeklebt

vom vielen Kommen und Gehen,

vom Kurz-Verweilen und Lang-Ausharren.

Rastlosigkeit geschmiert an der Fassade -

zerrissene Plakate, Anzeigen

für Gesucht und Nicht-Gefunden

blinkende Leuchttafel

 

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Um die Ecke der unaussprechbare Schmerz

als Schimpfwörter, vulgäre Bilder

gesprüht, aufgemalt mit Edding.

 

Als wäre dies ein Spielzeughaus,

und säße darin ein böses Kind

mit den fehlenden Worten für Wut und Scham,

für Neid und Zweifel, für Liebe und Zuneigung.

Statt einer Sprache hat man dem Kind

das Dach und die Fassade geschenkt,

und nun zerstört es die angedachte Ordnung –

schlägt eine Scheibe ein, reißt einen Blumenkübel herunter,

kippelt an der Dachrinne, erschreckt die Tauben.

 

Als wäre diese Welt eine Minecraft-Landschaft,

aus kleinen Blöcken könnte man sich Wände, Betten

und Zuversicht erbauen. Ein Raum ohne Existenz,

in dem der junge Schöpfer noch übt

Verstecke und Zufluchtsorte zu erschaffen,

bevor nachts Dämonen kommen.

Als hätten die Bewohner eine Reset-Taste

und könnten neu starten, wenn es nicht klappt.

Wenn die Zombies und die Creeper

einen doch erwischen in der Nacht.

Dann könnten sie am nächsten Morgen wieder

aus kleinen Blöcken sich Wände, Betten

und Zuversicht erbauen.

 

Aber nein, es ist kein Spielzeughaus aus

Plastik in einer virtuellen Welt,

es ist die Wahrheit mit 10 Wohneinheiten

und einen Haufen Sperrmüll im Innenhof.

Deichraben

Einst


Das Rabenkind bin ich.

Schwarz sind meine Augen,

das Weserwasser mein Spiegel,

der Wind eine Wiege.

Was ich loslasse,

bringt er mir zurück.


Im gleißenden Licht eines Frühlings

fiel ich aus dem Nest und verschwand

in den Gedanken der Vorbeilaufenden.


Lasst mich erzählen...


Zwei Herzen


Das Wasser der Nacht

treibt viele Geschichten,

Versprechen, rutschige Wörter,

ein paar Fragezeichen

auf dem Rücken liegend.


Die Phantasie strömt noch lange nach.


Vielleicht werden sie irgendwann

zu Liebeslegenden,

aber noch sind sie jung, windschlüpfig,

mit Grashalmen im Gefieder.


Die Deichliebe ist manchmal kurz.


Am Morgen trocknet

das kleine Schwarze im Geäst.

Wenige Wörter und kleine Perlen,

nehmen die zwei Herzen mit.

Immerfort werden sie puzzeln,

bis das eigene Nest erfunden ist.


Der Wahrsager


Einmal traf er mich

mit seinem harten Flügelschlag.

Hier am Ufer brach ich,

lag im Gras, das Herz am Rücken

die Augen zum Himmel aufgerissen

          - Nimmermehr –

               - Nimmermehr –

                   - Nimmermehr –

schrie meine Fata Morgana in Schwarz -

der Rabe Odins.


War es Hugin oder Munin?

Verstand oder Erinnerung?

Wer spannte seine Schwingen aus dem Norden?

Wer trug die Nachricht schwer wie ein Mythos?


Kein Blut, nur Schmerz tief im Inneren

schickte mir die Wahrheit.


"Gnade dem Boten" flüsterte ich

gehüllt in seinen dunklen Umhang,

lag im Gras, das Herz am Rücken

die Augen zum Himmel aufgerissen.

Преди


Детето на гарвана съм аз,

черни са очите ми,

на Везер водите - огледало,

а вятъра - люлка.

връща това,

което аз пускам.


В металния блясък на някоя пролет

от гнездото паднах и изчезнах

в мислите на преминаващите.


Нека разкажа...

Der Alte


Häufig sitzt er hier,

fast jeden Tag,

doch manchmal bei Extremhochwasser

werden die Sitzbänke zu Booten.


Der glasglatten See entgegen

lösen sie die Segel und

vergessen ihre eisernen Füße.


Nur selten

schmeckt der Alte das Salz

der Meeresgräser und Abenteuer.


Die meisten Tage sitzt er

stillschweigend auf der Bank

mit einem Seetaumeln im Ohr.


Aus dem anderen Reich


Was ich loslasse,

bring der Wind mir zurück.


Eine Feder über dem Deich

begleitet die unerfüllten Wünsche der Toten

und legt sie sanft zum Trocknen in die Sonne

neben bunte Picknickdecken.


Eine Feder, von einer Rabenmutter verloren,

malt Schatten am Boden,

die viele Träume fangen könnten,

doch nicht alle.


„Guten Morgen“ grüßt die Angst,

die ich loslasse.


Свидетелка


Сутринта изплува труп,

може би сънуваното,

удавило се снощи.

Върху тясната кушетка на хоризонта

лежеше в мъгла и пера.


Никой не искаше да види, но

вината

ще се покачи

и ще напълни очите.

Ще се покатери

след грапавия дъжд.

С бръсначи остри

ще изгрее.

Вината ще

протегне лъч.

През възглавници облачни

с подути клепачи

ще говори свидетелка.

Някога.


Много по-късно

на тясната кушетка на хоризонта

ще седи убиецът

и за мойте забравени сънища

ще тъгува.

Feiern


Höre die Glocken, Mutter, höre

und sammel' all die Rabenkinder,

dass wir gemeinsam singen, krächzen,

den Himmel mit Lobesgesang schmirgeln.

Weit offene Schnäbel

und die Urschreie unserer Herzen.

Die Glocken rufen alle frommen,

schwarzen Witwen, Mutter,

senke den Kopf und fliege mit,

dann setze dich ganz oben

auf das Kreuz bei der Glocke,

ganz nah an den Himmel setze dich

und singe, krächze, schreie

mit weit offenem Schnabel

schmirgel' den Himmel

mit Lobesgesang.

От другата земя


Каквото и да пусна,

вятърът го връща.


Над реката гарваново перо

изпраща несбъднати мъртви желания

и нежно ги полага на слънце да съхнат

до цветни постелки за пикник.


Перо - изгубено от майка гарван

рисува сенки по земята,

които могат много сънища да хващат.

но не и всички.


"Добро утро" поздтавява страхът,

които пускам.


Zeugin


Am Morgen schwamm eine Leiche vorbei,

vielleicht war das Geträumte,

das letzte Nacht ertrank.

Auf der schmalen Pritsche des Horizonts

lag es in seinen Nebelfedern.


Keiner wollte hinschauen, aber

die Schuld

wird hinaufsteigen

und die Augen füllen.

Herausklettern wird sie

nach dem rauen Regen.

Mit scharfen Klingen

wird sie erscheinen.

Die Schuld wird

einen Strahl strecken.

Durchs Wolkenkissen

und angeschwollenen Lidern

wird eine Zeugin sprechen.

Irgendwann.


Viel später,

wird auf der schmalen Pritsche des Horizonts

der Mörder sitzen und meinen vergessenen Träumen

hinterher trauern.



Празник


Чуй, майко, камбаните, чуй ги

и събери децата си гарвани,

заедно да попеем, да грачим,

с хвалебствия да остържем небето -

широко зейнали клюнове

и на сърцата първичните крясъци.

Камбаните викат всички праведни

черни вдовици, майко,

наведи глава и полети с тях.

После най-горе приседни

на кръста, до камбаната,

толкова близо до небето преиседни

и пей, грачи, крещи

с широко зейнал клюн

стържи небето

с хвалебствени песни.